Carsten Körber: Letzte Chance 2029
Quelle: Freie Presse Mediengruppe, 30.03.2026
FREIE PRESSE | Montag, 30. März 2026 | Zeitgeschehen | Seite 3 | von Jonas Patzwaldt
ZWICKAU, BERLIN — Gerade war er noch in Südamerika und Taiwan – jetzt läuft Carsten Körber (CDU) durch sein Wahlkreisbüro in der Zwickauer Hauptstraße. Die Räume sind, verglichen mit den Büros von Bürgermeistern aus der Region, eng und klein. Gewöhnliche Tische und Büromöbel, kein Schnickschnack. Das passt zu Körbers Job.
Körber ist einer der wichtigsten Haushaltspolitiker im Bundestag. In seinem Wahlkreis bekommt man davon aber wenig mit. Körber folgen nur 1200 Menschen auf Instagram. Seit 2013 ist Carsten Körber aus Mülsen Mitglied des Bundestages und des Haushaltsausschusses.
Der „Königsausschuss“, wie man ihn intern nennt. Hier werden die Finanzen des Bundes verplant. Gleichzeitig leitet er seit 2021 die CDU-Landesgruppe der Abgeordneten aus Sachsen. Im „Raumschiff“ Berlin, wie er den politischen Betrieb nennt, ist er womöglich bekannter und angesehener als in seiner Heimat Zwickau.
Was tut Carsten Körber in Berlin für seine Region und wie blickt er auf die Zukunft? Spricht man häufiger mit ihm, lernt man einen im heutigen Politikbetrieb aussterbenden Charakter kennen. Körber sagt auffällig oft „vernünftig“. In Berlin springt er von Termin zu Termin und versucht Kompromisse mit Kolleginnen und Kollegen aller Parteien zu finden. Als fairer Mediator genießt er deshalb Ansehen im Haushaltsausschuss.
„Raumschiff“ Berlin und Rückzugsort Zwickau
Fragt man Weggefährten, verlieren sie kaum ein schlechtes Wort über Körber. Das gilt für Politiker aus seiner Partei sowie für andere im „Raumschiff“ und außerhalb. „Raumschiff“ nennt Körber das Berlin, das er erlebt, vielleicht auch deshalb, weil er im Hotel schläft – im Sommer manchmal in seinem kleinen Wohnmobil auf einem Stellplatz am Berliner Gesundbrunnen.
Seit Jahren mietet er keine Wohnung mehr an. Zuvor lebte er in einem „schönen Altbau“ in Steglitz. Aber mit Blick auf die Kosten sagt er heute, das sei „unvernünftig“ und lohne sich nicht. Zu lang wären dafür die Arbeitstage im „Raumschiff“.
Im Gegensatz dazu schläft Körber, wenn er im Zwickauer Büro arbeitet, jede Nacht in seinem Haus mit dem „schönen Garten“, den vor allem seine Frau pflegt. Sie kümmert sich auch um seine beiden Zwergpudel.
Körber sagt, dieser Rückzugsort ist seine Erdung. Er geht auch gern in die Oper und ist großer Richard-Wagner-Fan. Er ist heimatverbunden. Sein Vater, ein Reichsbahnarbeiter, kommt aus einem christlichen Elternhaus aus Zwickau-Marienthal. Im Gegensatz zu seinem Sohn durfte er nicht studieren. Von ihm lernte Körber, was politische Repressionen für die eigene Biografie bedeuten.
Der Impuls für Carsten Körbers politischen Weg kam hingegen durch seinen Großvater mütterlicherseits – sein „Vorbild“. Der brachte als Direktor für Absatz bei VEM-Motors eine in der DDR seltene Weltläufigkeit in das gemeinsame Mehrgenerationenhaus in Mülsen. Denn er durfte reisen.
Der Großvater war auch Präsident des Sportvereins Mülsen St. Niclas und Vorsitzender der Mülsener Musikanten. Er öffnete seinem Enkel im Jahr 2002 die entscheidende Tür und organisierte einen Termin beim CDU-Abgeordneten Michael Luther. Dadurch kam Körber an seinen ersten Job im Politikbetrieb – genau in jenem Büro, in dem er heute, über zwei Jahrzehnte später als Bundestagsabgeordneter arbeitet.
Kein Direktmandat und trotzdem Ansprechpartner
2021 verlor Körber nach zwei gelungenen Wahlkämpfen sein Direktmandat in Zwickau gegen einen Mann von der AfD: Matthias Moosdorf aus Leipzig. Der, so hört man von Unternehmern und Politikern, ist als Abgeordneter im Wahlkreis kaum präsent. Derzeit ist er eher für einen zur Anzeige gebrachten Hitlergruß in den Bundestagsgebäuden bekannt oder als Cellist, dem vorgeworfen wird, aus Russland Geld zu erhalten. Er selbst bestreitet diesen Vorwurf.
Die Arbeit von Moosdorf bleibt an Körber hängen. Das sagt er so selbst. Er ist seither über die Liste in den Bundestag eingezogen, interpretiert seine Aufgabe aber weiter wie ein direkt gewählter Abgeordneter. Aktuelles Beispiel: die „Sportmilliarden“. Ein Förderprogramm des Bundes. Damit sollen in die Jahre gekommene Sportanlagen saniert werden. Körber kennt das Bundesprogramm als langjähriger Haushälter gut.
Fast jede Kommune in Südwestsachsen hat sich für die Fördermittel beworben. Fast alle haben bei Körber angerufen. „Da ich der einzige Haushaltspolitiker meiner Regierungsfraktion aus dem Osten bin, kamen Anfragen auch von weiter weg.“ Wenn man ihm zuhört, klingt das, als sei er so etwas wie der „Schatten-Direktabgeordnete“ für ganz Südwestsachsen, der die fachliche Arbeit leistet, während sich andere auf die „großen Dinge“ konzentrieren.
Wo Körber aktiv geholfen hat
Wenn Körber nicht mehr im Bundestag sitzt, geht der Region ein wichtiger Zugang zum Bundeshaushalt verloren. Das hat der CDU-Abgeordnete in den vergangenen Jahren beim Denkmalschutz bewiesen. Von ihm vermittelte Fördermittel flossen in die Restaurierung der Zwickauer Lutherkirche und die Lukaskirche in Planitz, in die Kaufhäuser „Schocken“ in Zwickau und Crimmitschau sowie in den Bismarckturm in Glauchau und in die Burg Schönfels.
Für das Schloss Blankenhain etablierte er gar einen Titel im Bundeshaushalt: Das Deutsche Landwirtschaftsmuseum entstand dadurch und bekommt jährlich 400.000 Euro. Körber vermittelt gern über den „kurzen Dienstweg“. Über das Sport-, Jugend- und Kulturprogramm floss Geld in das Sojus-Sportforum in Zwickau-Eckersbach und das Planitzer Bad.
Trotzdem werde er auf Volksfesten gefragt, warum er nichts für „das Volk“ tue, erzählt Körber. Die allgemeine Stimmung, sagt er, habe sich seit 2015 zum Negativen, gar Destruktiven entwickelt. Sein Job zwischen „Raumschiff“ und Heimat ist ein Spagat. Er kann nicht überall gleichzeitig sein. Das führt zum Vorwurf, er lasse sich „nie blicken“. Auch für die „Sportmilliarde“ wird er nicht jede Sportstätte, in die er eingeladen wird, besuchen können.
Die Stimmung kippt ins Destruktive: Die Papierkneipe
Dieses Destruktive, das Körber beschreibt, hat längst den Bundestag erreicht. Körber erzählt eine Anekdote zum Ende der sogenannten „Papierkneipe“. In diesem Hinterzimmer des Haushaltsausschusses kamen Abgeordnete früher fraktionsübergreifend auf ein Bier oder einen Wein zusammen, um jenseits der Protokolle menschlich zu interagieren und „laut zu denken“.
Doch dieser geschützte Raum des Vertrauens sei gestorben, als AfD-Abgeordnete begannen, Fotos aus der privaten Runde in sozialen Netzwerken zu teilen – als Beweis für den vermeintlichen „Klüngel der Altparteien“. Für Körber ist das „Sand im Getriebe des Parlaments“: Wo früher ein kurzer Dienstweg und eine Art politischer Corpsgeist Lösungen ermöglichten, erschwere heute Misstrauen zwischenmenschliche Verhandlungen. Dieses Misstrauen im Großen korrespondiert mit dem Hass im Kleinen.
Körbers sächsische CDU-Kollegen Yvonne Magwas und Marco Wanderwitz haben „vor dem Hass resigniert“, wie es die „FAZ“ vor einigen Monaten zusammenfasste. Beide verließen vergangenes Jahr die Politik. Sie hinterlassen eine Repräsentationslücke im Vogtland und Erzgebirge, die Körber sowie die letzte nicht AfD-Abgeordnete aus der Region, Nora Seitz (CDU), füllen müssen. Körber sieht es weiter als seine Pflicht an, trotz dieser schwierigen Stimmung Gesicht zu zeigen.
Er könnte auch als Listenabgeordneter nach 13 Jahren Bundestag aufhören. Bereits 2014, sagt er, habe es einen „Warnschuss“ gegeben. Er hatte vor Weihnachten einen Kreislaufzusammenbruch und deutete es als „Vorstufe zum Burnout“.
Jetzt fürchtet Körber in Anbetracht des weiterwachsenden Zuspruchs für Rechtsaußen und der kommenden Wahlen einen gesellschaftlichen Burnout.
Die Sorge vor den kommenden Wahlen
Für Körber steht der Osten politisch bereits längst „auf der Kippe“. Zum Teil sei er „bereits verloren“, so der Politiker: Er warnt davor, dass die Überwindung der aktuellen gesellschaftlichen Krise keine Sache von wenigen Jahren ist, sondern eine oder sogar mehrere Generationen dauern kann.
Körber sieht deshalb das Jahr 2029 als entscheidenden Wendepunkt. Dort fallen in Sachsen Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen zusammen. „Dieses Gefühl des langsamen Niedergangs, das ist natürlich eine Stimmung, eine Verunsicherung, in der solche Kräfte wie die AfD wachsen können“, sagt Körber.
„Werden wir die Zeit bis dahin nicht nutzen“, appelliert der Abgeordnete, „dann sind wir hier weg.“ Meint: Wenn es bis 2029 nicht gelingt, das Ruder herumzureißen und eine stabilere Stimmung im Land zu erzeugen, befürchtet er, dass die demokratischen Kräfte verlieren.
Die tieferliegende Ursache sieht er in einem kontinuierlichen Abzug von wirtschaftlichen Eliten aus dem Osten seit 1945. Dieser Verlust an „klugen Köpfen“ nach dem Krieg, vor dem Mauerbau und nach der Wende führt dazu, dass heute im Extremfall ein „Mob“ die Oberhand gewinnen könnte. „Das Mittelmaß dominiert den gesellschaftlichen Diskurs. Der Anteil der Eliten an der Gesamtgesellschaft im Osten ist geringer als im restlichen Teil unseres Landes“, analysiert Körber.
Politisches Klima gefährdet Transformation
Als er neu in der Politik war, so sein Empfinden aus Gesprächen, wurde Sachsen noch weltweit als attraktiver Wirtschaftsstandort gesehen. Jetzt bemitleide man ihn häufiger wegen der politischen Lage. Die erschwert es mittlerweile sogar, Fachkräfte und Unternehmen aus dem Ausland zu gewinnen, weil das politische Klima abschreckend wirkt.
Das wurde Carsten Körber bei seiner aktuellen Reise in Taiwan von Vertretern des Chipherstellers TSMC erzählt. Diese sprachen über ihren neuen Standort in Dresden und die Möglichkeiten für Südwestsachsen. Aber auch darüber, dass es aus genannten Gründen Probleme gibt, Mitarbeiter für den Auslandsaufenthalt zu motivieren. „Wir haben hart daran gearbeitet, unseren Ruf effektiv international zu versauen. Das hat funktioniert.“
Carsten Körber sieht, ähnlich wie die IHK, aber genau in diesem Wirtschaftszweig eine Chance für den Strukturwandel in Südwestsachsen: ein Zuliefer-Ökosystem für die Halbleiterindustrie und damit verbundene Forschung. Körber bemüht sich neben anderen, dafür Netzwerke zu etablieren, Investoren zu finden und Bundesmittel zu erfragen.
Am Ende hängt die Transformation aber nicht nur an „denen da oben“, sondern an den Arbeitenden vor Ort. Rund um die Betriebsratswahlen bei VW in Zwickau und bei Schaeffler in Limbach-Oberfrohna wächst die Zustimmung für AfD-nahe Listen. Der Soziologe und Gewerkschaftsexperte Klaus Dörre erwartet, dass Kandidaten der AfD-nahen Zentrums-Liste oder nicht offen auftretende AfD Mitglieder auf kleinen „alternativen“ Listen früher oder später den Durchbruch schaffen könnten. Körber befürchtet das auch.
Es würde Transformationsprozesse in den Unternehmen erschweren, die Wirtschaft weiter ausbremsen und im Umkehrschluss die AfD befeuern. Die politisch größere Entscheidung treffen die Südwestsachsen aber zur nächsten Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahl. Bis 2029 bleiben noch drei „vernünftige“ Jahre. (jopa)